(Würzburg,
8.4. 2005)
Eckart
Liebau
Dass
der Titel übertreibt, muss nicht ausführlich betont werden. Die Allgemeine Pädagogik
gibt es nicht, auch wenn es Einigkeit über einige zu ihr gehörende Themen
geben mag. Konsens ließe sich -
vielleicht – darüber herstellen, dass neben der Wissenschaftsheorie und der
Methodologie die Bildungs- und Erziehungsphilosophie, die Historische Pädagogik,
die Biographieforschung und die Pädagogische Anthropologie zu den
Kernbereichen Allgemeiner Pädagogik gehören. Die folgenden Ausführungen
gehen von einem an der Bourdieuschen Kultursoziologie geschulten Ansatz Pädagogischer
Anthropologie aus und nehmen damit eine sehr spezifische Perspektive auf. Es
geht hier im Blick auf Lernen wie auf Stil eher um eine empirisch
bestandserhebende, analytische Argumentation
als um eine normative. Es soll nicht dargestellt werden, wie Lernen mit
Stil positiv gestaltet werden könnte (vgl. Liebau 1999),
sondern vielmehr, wie man Lernen verstehen und analysieren kann, wenn
man es unter der Kategorie des Stils, der Stilisierung betrachtet. Dabei müssen
sich die folgenden Ausführungen auf eine Skizze beschränken; eine
substantielle Durchführung des Konzepts, differenziert nach den verschiedenen
Milieus, sozialen Lagen etc., ist hier nicht möglich.
1.
Habitus und Lebenslage
Habitusformen sind von vornherein auf unterschiedliche
Lebenslagen eingestellt; und primäre und sekundäre Sozialisation tragen
dazu bei, dass die Kinder, im Durchschnitt, genau jene Habitusformen
erwerben, die für ihre mit ihrer sozialen Herkunft gegebene Lebenslage
passen. Denn
der Erwerb des Habitus, des praktischen Sinns, ist rational für die
sozial-kulturelle Lebenslage, in der die Kinder sich, dank ihrer Eltern,
befinden und die bei allem Wandel, im Durchschnitt jedenfalls, nach wie vor
auch ihre eigene künftige sein wird – ich verweise nur auf PISA. Das ließe
sich in den anthropologischen Dimensionen Leiblichkeit, Sozialität,
Kulturalität, Historizität und Subjektivität (Liebau 2004) im einzelnen
zeigen und auch ausdifferenzieren; bei der Leiblichkeit ließe es sich zum
Beispiel durchspielen an der Entwicklung, an der Wahrnehmung der und dem
Umgang mit den Sinnen und der Sinnlichkeit, an Auge (Sehsinn) und Ohr (Hörsinn),
Nase (Geruchssinn), Zunge (Geschmackssinn) und Haut (Tastsinn) –
darauf kann hier freilich nur hingewiesen werden. Bei der Sozialität ließe
es sich durchspielen im Blick auf Gesellungsformen und Geselligkeit, Macht und
Ohnmacht, Kollektivitäts- oder Individualitätscode, bei der Kulturalität im
Blick auf die Bedeutung symbolischer Praktiken und der verschiedenen
Ausdrucksformen, bei der Historizität im Blick auf die Phänomene der
Generations- und Milieuzugehörigkeiten im Kontext historischer
Ungleichzeitigkeit, bei der Subjektivität schließlich im Blick auf Menschenbild
und Selbstbild. Die Selbstinszenierungen und performativen Praktiken, die die
Kinder lernen, sind bei allen individuellen Variationsmöglichkeiten erst
einmal präzise abgestimmt auf die Lage, in der sie sich befinden. Sie sind
umso wirksamer, als sie im Kern unbewusst sind und unbewusst bleiben. Die Idee
der allezeit bewussten und rationalen Handlungssteuerung gehört zu den
besonders absurden Ideen moderner Lebensführung – man würde nicht einmal
ein einziges Mittagessen kochen oder einen Abwasch bewältigen können, wenn
man versuchen wollte, alle Handlungen bewusst, geplant und rational zu
vollziehen. Das Alltagshandeln beruht vielmehr auf einverleibter, gekonnter,
in der Regel bewusstloser Routine. Entscheidend
ist die Grundannahme der Passung: Habitusformen und die mit ihnen verbundenen
Lebensstile, so seltsam sie erscheinen mögen, sind daher zunächst einmal
unter dem Gesichtspunkt ihrer inneren Sinnhaftigkeit anzusehen und nicht unter
dem Gesichtspunkt der Kritik und der Veränderung.
Die übliche pädagogische Annahme allgemein wünschenswerter und ohne
weiteres verallgemeinerbarer Ziele zeigt sich schon an dieser Stelle als außerordentlich
kurzschlüssig. Kinder und Schüler werden nicht dadurch gleich, dass sie
Kinder oder Schüler sind. Dementsprechend ist es übrigens, worauf schon
Herbart hingewiesen hat, höchst ungerecht, sie gleich zu behandeln.
Der in primärer und sekundärer Sozialisation erworbene
Habitus bildet die Grundlage, auf der alle folgenden Erfahrungen und Praktiken
aufbauen, wie Bourdieu immer wieder betont hat. Aber
er stellt kein Verhängnis dar; mit dem Anfang ist nicht alles weitere
festgelegt. „Natürlich gibt es ... klare Hinweise für den nachhaltigen
Effekt anfänglicher Determinismen; ist es hinlänglich belegt, daß
‚soziale Herkunft’ bei Erwachsenen ‑ unter Bedingungen gleichen
Bildungsgrades und gleicher sozialer Stellung ‑ einen entscheidenden
Faktor für Unterschiede im Hinblick auf kulturelle Dispositionen
darstellt, dass der Einfluss der frühen Sozialisation niemals ganz
verschwindet ‑ und sei es, dass er sich noch in den Spuren offenbart,
die die zwanghaften Versuche zur Korrektur, zur Verwischung und Unterdrückung
des einstmals Erworbenen hinterlassen haben“ (Bourdieu/Schwibs 1985, S.
378). „Und dennoch handelt es sich hier um kein ‚systèm fatal’ ...,
d.h. um ein System, dessen Initialpunkt alles weitere determiniert“
(ebd.): Der Weg durch den sozialen Raum, den ein Mensch im Laufe seines Lebens
geht, ist nicht „determiniert“ und ist auch nicht prognostizierbar. Nur
Wahrscheinlichkeiten können angegeben werden.
2.
Trajectoire und Lebenslauf
Den Weg durch den sozialen Raum fasst Bourdieu mit dem Begriff
der „trajectoire“. Dieser
Begriff soll die Abfolge der Positionen bezeichnen, die ein Mensch in seinem
Lebenslauf einnimmt: Kind, Schüler, Lehrling oder Student, ggf. Soldat,
berufliche Positionen in ihrer Abfolge, Rentner bzw. Pensionär; aber
auch: Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener, Ehemann/Ehefrau, Vater/Mutter,
reifer Erwachsener, Großvater/Großmutter, alter Mensch; oder auch: Kind,
jugendliches Mitglied im Sportverein, Aktiver bei den Erwachsenen, Mitglied
des Vorstandes, passives Mitglied (und vielleicht Ehrenpräsident).
Entsprechende Reihen ließen sich für kulturelle, politische oder auch religiöse
Positionen aufstellen: Evangelisch
wäre der klassische Verlauf dann z.B. Rituale in der Familie (Beten, Singen),
Feste im Jahreslauf in Familie, Kindergarten
und Kirche, Kindergottesdienst, Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht,
Jugendgruppe etc. – und das ganze begleitet durch die Rituale, in denen die
wesentlichen Lebensereignisse ihre Form finden: Taufe, Konfirmation, Hochzeit,
Beerdigung etc. (Das gibt es so heute vielleicht noch in manchen württembergischen
oder fränkischen Pietistenkreisen – sonst nur noch in fragmentierten, mehr
oder weniger rudimentären Resten. Evangelisches Leben in dieser klassischen
Form ist heute ein kleiner, zurückgehender Lebensstil, der insbesondere in älteren
kleinbürgerlichen Milieus verankert ist. Die traditionelle Aura ist da längst
verloren. Es wäre eine interessante Frage, wie heute eigentlich die tatsächlichen
empirischen Prozesse religiöser Sozialisation vor sich gehen; wir wissen
bisher darüber sehr wenig, weil sich die Forschung immer noch viel zu sehr an
konventionellen Modellen des Glaubens orientiert. Dementsprechend wenig wissen
wir darüber, was Menschen wirklich glauben und wie sie zu diesem ihrem
Glauben kommen.
Aber
zurück zur trajectoire: Es ist also, von der frühesten Kindheit vielleicht
abgesehen, immer mehr als nur eine Position, die ein Mensch einnimmt; und die
trajectoire ist dementsprechend durch eine spezifische Abfolge von
Positionskonfigurationen gekennzeichnet.
Mit
diesem Begriff rückt die diachrone Perspektive in den Vordergrund. Jede
Position erfordert spezifische Kompetenzen im Sinne von „Können“; jede
ist mit spezifischen Kompetenzen im Sinne von „Befugnis“ verknüpft.
Und natürlich ist das „Können“ nicht automatisch in dem in
Kindheit und Jugend erworbenen Habitus enthalten, sondern es wird
entweder antizipatorisch (so z.B. in der Berufsausbildung) oder auch erst in
der mit der Position verbundenen Praxis (so z.B. häufig in der Politik;
oder auch in der Familie: Elternschaft) erworben. Positionen sind in
bestimmten sozialen Feldern instituiert; sie sind durch die aktuellen,
also die synchronen, Anforderungen, wie sie aus dem jeweiligen Feld heraus
(auf der Grundlage von dessen, vom individuellen Akteur relativ unabhängigen
Geschichte) gestellt werden, bestimmt. Die Aufgabe des Akteurs ist es, die
mit der Position verbundenen Anforderungen „kompetent“ zu erfüllen.
3.
Ökonomie der Sozialisation
Mit jeder Position also, die der soziale Akteur einnimmt,
entsteht eine spezifische Konfiguration von positionellen Anforderungen
und Befugnissen einerseits, in der vorgängigen Lebensgeschichte erworbenen
Dispositionen andererseits. Habitus und Position müssen in Übereinstimmung
gebracht werden; der soziale Akteur muss ggf. lernen. Lernen muss er
freilich nur in dem Maße, in dem es zu Diskrepanzen zwischen positionellen
Anforderungen und vorgängig erworbenen Dispositionen kommt. Das ist
lebensgeschichtlich immer dann der Fall, wenn neue Positionen zum ersten Mal
eingenommen werden; wenn etwa, wie es in der Shell-Studie heißt, ein neuer
„Fixpunkt“ (1981, Bd. 1, S. 133 f.) in der Lebensgeschichte erreicht
wird.
Das
dann notwendig werdende Lernen ist indessen alles andere als frei oder
beliebig. Bourdieu legt großen Wert darauf, Kompetenz nicht nur im Sinne
des „subjektiven Vermögens“ (Pfeffer 1985, S. 288) zu verstehen,
sondern immer den Feldzwang mitzusehen: „Die Instituierung, die Zuweisung
eines Wesens, einer Kompetenz, verleiht dem Betreffenden ein Recht, das
gleichzeitig Pflicht ist, etwas zu sein ... Es wird ihm damit bedeutet, was er
ist und dass er sich entsprechend zu betragen hat“ (Bourdieu 1982, S. 126,
zitiert nach Pfeffer 1985, S. 289). Das Lernen ist also auf die Position und
die von ihr erheischte Kompetenz bezogen.
Nun kann bekanntlich nicht jeder Mensch jede beliebige
Position einnehmen, auch wenn er vielleicht den Wunsch danach hat. Viele,
besonders die beruflichen Positionen, sind an formelle Qualifikationsnachweise,
an legitimierte Zertifikate und Titel (oder doch an legitime Erbschaften)
gebunden; andere Positionen, etwa in Politik und Kultur, sind an informelle,
jedoch deswegen nicht weniger strenge Kompetenznachweise (Wahl und Delegation)
gebunden; eine dritte Gruppe von Positionen, in der Familie z.B., steht im
Prinzip jedermann/jederfrau offen. Die Konfiguration von Position und
Dispositionen folgt daher selektiven Prinzipien in horizontaler und vertikaler
Dimension, oder einfacher: der Abstand zwischen positioneller Kompetenz und
individueller Kompetenz darf weder formal noch inhaltlich zu groß sein. Es
muss hier zu einer „Passung“ kommen.
Es liegt nun in der „Ökonomie der Sozialisation“,
dass unziemliche Aspirationen in der Regel gar nicht erst zustande
kommen. Da
der in primärer und sekundärer Sozialisation erworbene Habitus im
Durchschnitt auf die Reproduktion des elterlichen Status bzw. auf Aufstieg in
die „nächsthöhere Etage“ tendiert, ist er auf die Positionen, die für
den sozialen Akteur i.d.R. in Frage kommen, prinzipiell eingestellt; zwar
nicht auf die Einzelheiten, die mit einer Position in ihrem spezifischen Feld
verbunden sind, sehr wohl aber auf die Strukturen, die sich jeweils ähneln.
Man kann daher die „Ökonomie von Lebensgeschichten“ unter der Frage
betrachten, inwieweit die Positionen, die im Laufe der trajectoire
durchlaufen werden, untereinander homologe Anforderungen stellen,
inwieweit sie also redundante Habitusformen erfordern, oder, andersherum,
inwieweit sie nicht‑redundante Habitusformen erfordern: Je höher
die Redundanz, desto ökonomischer (im Sinne der Optimierung des Verhältnisses
von Aufwand und Ertrag, was in Sozialisationsprozessen tendenziell gleichbedeutend
mit dem Verhältnis von zeitlichem Lernaufwand und Nutzung des Lernergebnisses
ist).
Ob jemand also beispielsweise antizipatorisches Lernen auf
sich nimmt, hängt, nach diesem Modell, von der Relation zwischen der
Wahrscheinlichkeit, dass das Lernen durch die Erreichung der angestrebten
Position gekrönt werden kann, und dem dazu erforderlichen Aufwand ab. Wenn
die objektiven Chancen sehr schlecht eingeschätzt werden, wird eine solche
Kalkulation anders ausfallen, als wenn die objektiven Chancen als sehr gut
eingeschätzt werden. Natürlich gibt es hier erhebliche Enttäuschungsgefahren;
die Geschichte der Bildungsexpansion ist seit Beginn der noch immer
herrschenden Überfüllungskrise auch eine Geschichte enttäuschter Erwartungen.
Hier sind die Kalkulationen nicht aufgegangen. Die Entwicklungen im
Bildungsfeld und in den beruflichen Feldern folgen eben jeweils „relativ
autonomen“ Gesetzen; es gibt hier keine prästabilierte Harmonie.
4.
Krise und Konversion
Unter
sozialisationsökonomischen Gesichtspunkten ist der Erwerb nichtredundanter
Habitusformen immer mit einem erheblich größeren Aufwand verbunden als
eine bloße Kompetenz-Komplettierung innerhalb im Ganzen redundanter
Habitusformen. Das liegt nicht nur daran, dass ggf. das Risiko des
Fehlschlags sehr viel größer sein kann - das muss es in konjunkturell günstigen
Zeiten, etwa zum Beginn von Mangelkrisen, nicht unbedingt sein -,
sondern es liegt daran, dass der Erwerb nicht-redundanter Habitusformen
mit einer Transformation der Gestalt des Individualhabitus verbunden ist.
Da der Habitus ein System, eine tendenziell geschlossene Gestalt von
Dispositionen darstellt, werden in dem Moment, in dem diesem System grundlegend
neue Elemente zugeführt werden, alle Relationen innerhalb des Systems berührt;
es muss eine neue Ordnung etabliert werden. Zwar können die alten
Elemente ggf. erhalten werden - manche werden freilich auch „unterdrückt“
oder „verdrängt“ -, aber sie gewinnen innerhalb des Systems der
Dispositionen einen neuen relativen Ort: mit der Folge einer Konversion,
die mit erheblichen Krisen für das Individuum verbunden sein kann.
Die
Kosten des Erwerbs nicht-redundanter Habitusformen sind also in jedem Fall
hoch; und sei es nur, dass in Rechnung gestellt wird, welche Identitätsarbeit
geleistet werden muss, bis ein neues System von Selbstverständlichkeiten
und Gewohnheiten etabliert ist. Denn Konversionen bringen den Bruch mit der
Doxa der Herkunftskultur notwendigerweise mit sich. Sie sind daher im
Prinzip um so leichter möglich, um so mehr der soziale Akteur auch über die
Fähigkeit zur symbolischen Beherrschung der Praktiken seiner Herkunftskultur
verfügt, eine Fähigkeit, die im Zusammenhang doxischer Lebensverhältnisse
nicht intentional erworben werden kann, die vielmehr nur durch kulturelle
Kontakte (wie sie z.B. die Schule bietet) oder durch Krisen entstehen kann:
„Die Doxa bildet jenes Ensemble von Thesen, die stillschweigend und
jenseits des Fragens postuliert werden und die als solche sich erst in der
Retrospektive, dann, wenn sie praktisch fallengelassen wurden, zu erkennen
geben. Die aus den kulturellen Kontakten oder den politischen und ökonomischen
Krisen hervorgehende praktische Infragestellung der Thesen, die in einer
jeweiligen Lebensform impliziert sind, weisen freilich nicht die Gestalt
einer rein intellektuellen Operation auf ... Denn die Krise, die das Undiskutierte
zur Diskussion, das Unformulierte zu seiner Formulierung führt, hat zur
Bedingung ihrer Möglichkeit die objektive Krise, die, indem sie das
unmittelbare Angepasstsein der subjektiven an die objektiven
Strukturen aufbricht, praktisch die Evidenzen zerstört und darin einen Teil
dessen in Frage stellt, was ungeprüft hingenommen worden war“ (Bourdieu
1979, S. 331). Um
den kollektiven Bruch einer Gesellschaft, einer Klasse oder einer Gruppe von
Menschen mit der vorgängigen Doxa zu bewirken, sind wahrscheinlich
politische oder ökonomische Krisen notwendig, die die Doxa in Frage
stellen; hierfür können die Französische oder die Russische Revolution vielleicht
als Beispiele gelten.
In der individuellen Lebensgeschichte kann die Veränderung
der Doxa jedoch auch aus kulturellen Kontakten hervorgehen, aus Erfahrungen
also mit anderen Systemen von Selbstverständlichkeiten, mit anderen
Denk‑, Urteils‑, Wahrnehmungs‑ und Handlungsmustern. Ist
die Schule der erste (und gleichzeitig systematischste) Ort, in dem solche
Erfahrungen gemacht werden können (und zwar insbesondere für jene Kinder,
die zwar in ihrer Herkunftskultur auf den Modus der praktischen Beherrschung
getroffen sind, die aber, aus welchen Gründen auch immer ‑ Förderung
durch den Kindergarten, Medienerfahrung etc. -, dennoch eine Neigung
zum Modus der symbolischen Beherrschung entwickeln konnten; zum Beispiel die
„intelligenten“ Arbeiter‑ oder Bauernkinder) so ist sie doch
nicht der einzige: Kulturelle Kontakte bieten z.B. auch die Medien (wenn
auch in restringierter Form) oder, gerade auf dem Land und in den Kleinstädten,
die Vereine, die dort relativ breit die verschiedenen sozialen Gruppen
und Klassen integrieren; dann, für die Männer jedenfalls, die Armee, und
schließlich die politischen Organisationen (Verbände, Gewerkschaften,
Parteien), die zwar eine relative Homogenität der Interessen voraussetzen
‑ bei aller Veränderung der Interessen der Mitgliedschaft, die
durch die Wahlmodi und die Verfahren der Delegation zustande kommen (vgl.
Bourdieu 1986) ‑, aber doch durch eine nicht unerhebliche Heterogenität
der Mitgliedschaft gekennzeichnet sind. Dies alles sind Orte, in denen
Widersprüche zwischen ursprünglicher Doxa und praktischen Erfahrungen in
neuen Feldern aufbrechen können, mit der Folge der Zerstörung von Evidenzen.
Gewiss
haben solche kulturellen Kontakte nicht automatisch die Folge einer Veränderung
der eigenen Haltungen; aber sie bieten doch die objektive Möglichkeit
dazu, den Kreislauf zu durchbrechen und nichtredundante Habitusformen zu
erwerben. Dies freilich umso mehr, umso mehr sich auch die alltägliche Praxis
des Erwachsenen von der alltäglich erfahrenen Praxis des Kindes und
Jugendlichen, das er war, entfernt.
Zwar
gibt es einen engen statistischen Zusammenhang zwischen sozialer
Herkunftsklasse und den typischen beruflichen Laufbahnen: „Einem bestimmten
Umfang ererbten Kapitals (in seinen drei bzw. vier Varianten ‑ E.L.)
entspricht ein Bündel ungefähr gleich wahrscheinlicher, zu ungefähr
gleichwertigen Positionen führender Lebensläufe ‑ das einem bestimmten
Individuum objektiv gegebene Möglichkeitsfeld“ (Bourdieu 1982, S. 188).
Aber dieser Zusammenhang ist nicht für den Einzelfall zwingend; abweichende
Laufbahnen kommen durchaus vor. Und Laufbahneffekte können sich auch in
tiefgreifenden Veränderungen der Haltungen äußern: „Wer sich als junges Mädchen
aus einfachen Verhältnissen dank ‚natürlicher’ Schönheit in die Obhut
etwa von Ausbildungsschulen für Hostessen begibt, kommt als ‚anderer’
Mensch heraus; die Art zu gehen, sich zu setzen, zu lachen und zu lächeln, zu
sprechen, sich zu kleiden und zu schminken und vieles mehr ist danach von Grund
auf umgemodelt“ (a.a.O., S. 329). Aber es sind, schon per definitionem,
Minderheiten, die solche Veränderungen des Ursprungshabitus erfahren.
5.
Lernen mit Stil
Lernen
mit Stil heißt vor diesem Hintergrund also erst einmal nichts anderes, als dass
Lernen immer im sozialkulturellen Kontext betrachtet werden muss und dass es
immer auf den Zusammenhang zwischen Habitus und Feld, Performanz und Kontext
ankommt. Die Aufführungspraxen im Welttheater unterscheiden sich, gerade weil
sie aufeinander bezogen sind. Der Raum der Lebensstile korrespondiert, alles in
allem, nach wie vor mit dem Raum der Positionen: auch und gerade unter
Bedingungen von Pluralisierung, Individualisierung, Migration und
Transkulturalität. Trotz allen Wahlzwangs und aller Flexibilisierung herrscht
in dieser Hinsicht alles andere als Beliebigkeit.
Wenn
man von Bourdieu gelernt hat, die fraglose Hochschätzung bildungsbürgerlicher
kultureller Werte und Gehalte, sei es in Kunst, Musik, Literatur, sei es im
alltäglichen Lebensstil des Wohnens, Kleidens, Essens usw. als subtile Formen
gesellschaftlicher Herrschaft und Privilegiensicherung zu entschlüsseln,
so hat das keineswegs automatisch zur Folge, dass diese Werte und Gehalte nunmehr
abzulehnen wären. Freilich bedürfen sie nun der Prüfung; sie können nicht
mehr ohne weiteres fraglos gelten. Bourdieu führt zur Befragung. Nun muss man
bewusst entscheiden, was lohnt, verallgemeinert zu werden, was ungefährlich
ist und als persönliche Vorliebe weiterhin gepflogen werden kann, und was
schließlich unterlassen werden soll, weil es inhaltlich nicht verallgemeinerungsfähig
ist.
Solche
Befragung kann einstweilen in vielen Bereichen nur innerhalb der kulturellen
Eliten selber ihren Platz finden, weil sie ja voraussetzt, dass man kennt, was
man befragt. Solange die Bevölkerungsmehrheit von umfassender kultureller
Teilhabe ausgeschlossen wird, müssen kulturelle Eliten gleichsam stellvertretend
ihre Interessen und Belange insoweit mitvertreten, als die Mehrheit sie
‑ noch ‑ nicht selbst vertreten kann: das alte Thema der Verantwortung
des Intellektuellen, der Wissenschaft, der Kunst, der Pädagogik und der
Kirche. Es gehört zur Dialektik der bürgerlichen Kultur, dass sie, wenigstens
zum Teil, an Aufklärung und damit an der Verfremdung des scheinbar Selbstverständlichen
orientiert ist und interessiert sein muss. Wenn also die Teilhabe am kulturellen
Reichtum auf der inhaltlichen Ebene nur um den Preis der Aufklärung zu haben
ist, so ist die Selbstaufklärung der Bildungsbürger der notwendige erste
Schritt auf dem Weg zu einer Universalisierung der Kultur. Von Bourdieu kann
man lernen, dass Individualität und Kollektivität nicht gegeneinander
stehen, sondern wechselseitige Bedingungen bilden; und man kann lernen, dass
Mündigkeit ohne Solidarität nicht zu haben ist. Das wusste man zwar auch
schon vorher; aber nun kann man vielleicht doch etwas genauer einschätzen, wo
die Schwierigkeiten auf diesem Entwicklungspfad liegen.
Literatur:
Bourdieu, Pierre: Entwurf einer Theorie der Praxis auf
der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt/M. 1979
Ders.: Ce que parler veut dire. L’économie des échanges
linguistiques. Paris 1982
Ders.: Die feinen Unterschiede. Kritik der
gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M. 1982
Ders.: Delegation und politischer Fetischismus.
In: Ästhetik und Kommunikation 16 (1986), S. 184 – 195
Ders./Schwibs, Bernd: „Vernunft ist eine historische
Errungenschaft, wie die Sozialversicherung“. Bernd Schwibs im Gespräch mit
Pierre Bourdieu. In: Neue Sammlung 25 (1985), S. 376 - 394
Jugendwerk der Deutschen Shell: Jugend`81. Lebensentwürfe,
Alltagskulturen, Zukunftsbilder. (3
Bde.) Hamburg 1981
Liebau, Eckart: Gesellschaftliches Subjekt und
Erziehung. Zur pädagogischen Bedeutung der Sozialisationstheorien von Pierre
Bourdieu und Ulrich Oevermann. Weinheim/München 1987
Ders.: Erfahrung und Verantwortung. Werteerziehung als
Pädagogik der Teilhabe. Weinheim/München 1999
Ders.: Braucht die Pädagogik ein Menschenbild? In: Bizer, Christoph u.a. (Hg.): Jahrbuch der Religionspädagogik 20 (2004),
S. 136 - 144
Pfeffer, Gottfried: Das fehlende Positive.
Sozialdeterministische Aspekte bei Bourdieu und ihr möglicher „Aufklärungswert“.
In: Neue Sammlung 25 (1985), S. 279 - 297